Lernende Regionen - Teilprojekte

Vermittler zwischen Kulturen

Mal werbend, mal drohend werden unsere ausländischen Mitbürger fast jeden Tag zur „Integration“ aufgefordert. Doch wie soll ein Zusammenleben gelingen, wenn beiderseits die Sprachkenntnisse fehlen? Wenn von der jeweils anderen Kultur kaum einer eine Ahnung hat? Da braucht es professionelle Vermittler, die in zwei Kulturen zu Hause sind und so die Konflikte des Alltags lösen können. Die gibt es jetzt in Bad Hersfeld, erstmals überhaupt im gesamten Bundesgebiet.

Das ist kein Zufall. In Bad Hersfeld besteht bereits in rühriges Netzwerk für Integration, in dem 80 Organisationen von und für ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger zusammen arbeiten. Sie entwickelten im Rahmen der „Lernenden Regionen“ das Projekt „Interkulturelle Vermittler“. Ein gebürtiger Iraner, Dr. Mohammad Heidari vom DGB-Berufsbildungswerk in Düsseldorf, hat für dieses völlig neue Fachgebiet einen Lehrplan entwickelt.

Der erste Kurs startete im März 2005 mit 12 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus sechs Nationen. Mit dabei waren von Anfang an ein kurdischer Lehrer, zwei türkische Krankenschwestern, eine Chinesin, die bei der Bahnhofsmission arbeitet, drei Russlanddeutsche Frauen und drei Deutsche.

Neben ihrem Beruf lernten die Kursteilnehmer in 150 Stunden mit Fallbeispielen und Rollenspielen, wie sie im Betrieb, im Krankenhaus oder in der Verwaltung als Vermittler tätig werden können.

Manche Probleme sind einfach zu lösen, zum Beispiel in der Werkskantine. Da sollte der Koch schon wissen, dass Muslime kein Schweinefleisch essen dürfen. Aber was machen Ärzte, wenn ein türkischer Mann seine Frau auch im OP-Saal nicht aus den Augen lassen will?

In solchen Fällen sind natürlich mindestens zwei Sprachen nötig und ein Verständnis der Kulturen, die aufeinander prallen. Hinzu kommen pädagogische Fähigkeiten und viele rechtliche Kenntnisse, besonders im Umgang mit Behörden.

Die so umfassend ausgebildeten interkulturellen Vermittler haben sich in ihrem beruflichen Umfeld bereits bestens bewährt. Und sie stehen auf Anforderung bereit, auch außerhalb auftretende Konflikte zu lösen und das Zusammenleben der Nationen aktiv zu gestalten.

Der Erfolg dieses bisher einmaligen Projekts hat schon zwei weitere angestoßen. Ein vergleichbarer Kurs wird jetzt für Lehrer angeboten und - so hoffen die Hersfelder Pioniere - bald auch hessenweit in die Lehrerfortbildung aufgenommen. Und auch die Evangelische Fachhochschule Darmstadt, die das Projekt inhaltlich begleitet hatte, will im kommenden Semester „interkulturelle Vermittlung“ als Studiengang für Sozialpädagogen und Sozialarbeiter anbieten.

Von Bad Hersfeld lernen

Von der Fulda bis an die Wolga ist die Nachricht gedrungen, dass in Bad Hersfeld ein erfolgreiches Modell für das Zusammenleben mit Migranten entwickelt wurde. Die evangelische Fachhochschule Darmstadt hatte den Kontakt hergestellt. Die Nekrassow-Universität in Kostroma, 400 Kilometer nordöstlich von Moskau, lud deshalb die Macher des Projekts „Interkulturelle Vermittler“ zu einem Erfahrungsaustausch ein.

Russland hat in den letzten Jahren Millionen Migranten aus den früheren Sowjet-Republiken aufgenommen. Die sprechen zwar alle russisch, aber sie sind doch mehr geprägt von den Lebensverhältnissen in Kasachstan oder Kirgisien. Kulturelle Integration ist auch dort ein schwieriges Problem.

Inzwischen gab es auch einen Gegenbesuch der russischen Universität. Dabei wurde auch die Anne-Frank-Schule in Eschwege besucht. Sie kann als Europaschule viele praktische Beispiele für die Integration von Jugendlichen aus anderen Ländern vorweisen. Insbesondere in der Lehrerfortbildung soll der Austausch zwischen Fulda und Wolga weiter vertieft werden.

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